Der Mosel-Camino

Etappe 1: Von Koblenz-Stolzenfels nach Alken (19,4km)

Das Wichtigste vorweg: Wir haben die erste Etappe mehr oder weniger problemlos geschafft!

Hier die wichtigsten Eckdaten: Wir sind insgesamt 19,4 km mit 421 Höhenmetern gelaufen. Besonders spannend ist, dass wir einen Gesamtanstieg von 6,24 km und einen Gesamtabstieg von 5,4 km hatten. Ihr könnt uns glauben, das haben wir auch in unseren Beinen gemerkt.

Die Tour begann beim Schloss Stolzenfels in Koblenz, wo wir uns auch gleich zu Beginn verlaufen haben. Wir mussten uns erst an die wegweisende Symbolik der Jakobsmuschel gewöhnen. Rebecca ist das schnell gelungen, ich lerne noch immer und hätte mich ohne sie schon viermal verlaufen.  Beim Start am Rhein in Stolzenfels um 10 Uhr läuteten die Glocken zum Hochamt, was unserem Projekt eine mystische Note gab. Angekommen sind wir in Alken an der Mosel um 16.32 Uhr. Ein unglaubliches Gefühl!

Unterwegs haben wir regelmäßig unsere Pilgerstempel für unseren Pilgerpass eingeholt, was wahrscheinlich eine typisch deutsche Sache ist. Das Lustigste, was uns dabei passiert ist, war, dass wir den Autor des einzigen derzeit auf dem Buchmarkt erhältlichen Reiseführers für den Mosel-Camino in „Rosis Wanderstübchen“ in Hühnefeld (noch auf der Hunsrück-Seite) getroffen haben.

Wichtig war auch, dass sich unser Trainingsprogramm gelohnt hat. Wir hatten kaum konditionelle Probleme. Die steilen Abgänge in den Weinbergen konnten wir natürlich nicht üben, aber ging auch so.

Und natürlich war die Ausrüstung wichtig. Wir hatten beide sehr gute federleichte stabile Schuhe und einen sehr guten Rucksack. Klar ist, den Mosel-Camino kann man nicht alleine laufen, denn die neuen Hightech-Rucksäcke konnte man nur zu zweit aufsetzen. Mein Rucksack wog fast genau 8 kg und Rebecca hatte tatsächlich 400 g mehr  - wollte mir aber nichts abgeben!
 
Es war ein herrlicher Tag mit Vater und Tochter! Wir haben viele wunderbare Momente erlebt. Und bei mir als „alter Eifelaner“, der ganz in der Nähe seine Jugend verbracht hat, kamen viele Jugenderinnerungen wieder zum Vorschein. Ich war etliche Male auf der Burg Thurant, ein prächtiger Bau!

Jetzt sind wir schon auf den morgigen Tag gespannt!

Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur ersten Etappe.

Etappe 2: Von Alken nach Treis-Karden (24,4km)

Auch diese Etappe haben wir geschafft!

Insgesamt sind wir 24,4 km gelaufen und haben 459 Höhenmeter erstiegen. Allerdings sind wir nach einer kleinen Pause auf der Burg Eltz beim steilen Anstieg Richtung Karden bei 29 Grad schwüler Hitze einmal kurzfristig an unsere Leistungsgrenze gekommen.

Die heutige Route war deutlich anspruchsvoller als die gestrige. Die Aufstiege waren länger und der Abstieg nach Karden war fast kriminell. Extrem steil, unsicherer Boden und ohne jegliche Sicherung. Eigentlich nicht zu empfehlen! Nicht nur die Abstiege waren herausfordernd. Manche Strecken waren so verwachsen, dass man eine Machete gut hätte gebrauchen können. Der letzte wandernde Pilger ist wahrscheinlich im letzten Jahrhundert hier gelaufen. Aber die Belohnung für die Anstrengungen war gigantisch! Wunderschöne Ausblicke ins Moseltal, auf Burg Bischofsstein und vor allem auf Burg Eltz entschädigten für alles!

Gestartet sind wir um 9:16 in Alken. Wir haben im Landhaus Müller mit Blick auf die Burg Thurant gut übernachtet. Angekommen sind wir in Treis-Karden um 17:10 Uhr. Unterwegs gab es nicht nur landschaftliche Belohnungen, sondern auch viel „Heimat“. In Lasserg habe ich tatsächlich einen Schulkameraden aus meiner Gymnasiumszeit getroffen. Wir haben uns das letzte Mal 1972 gesehen. Und ausgerechnet in Lasserg, wo ich als Junge x-mal am Aussichtspunkt „Lasserger Küppchen“ gewesen bin, haben wir uns dann verlaufen. Rebecca war aber gnädig mit mir!

Auf der Strecke haben wir im Übrigen zum ersten Mal vier andere Wanderer getroffen, die in Richtung Burg Eltz unterwegs waren. Ein schönes Gefühl, dass man nicht alleine verrückt ist!

Unterwegs haben wir auch etliche Eidechsen und eine Blindschleiche getroffen. Ich wusste gar nicht, dass Rebecca so riesige Angst vor diesen harmlosen Tieren hat, denn sie schrie jedes Mal ganz laut und ich erschreckte mich jedes Mal darüber. Das wird uns noch länger begleiten, denn in den Weinbergen wimmelt es nur vor solchen Reptilien.

Mir bleiben zwei Erlebnisse des heutigen Tages besonders in Erinnerung:

  • die Burg Eltz. Als Kind und Jugendlicher war ich so oft dort und die märchenhafte Silhouette verzaubert mich jedes Mal mehr!

  • Wir liefen morgens in Löf am Hotel Lellman vorbei. Eine ältere Hotelangestellte stand davor und ich erklärte ihr, dass ich in meiner Jugend oft bei ihnen zum Tanz war. Damals war das Hotel Lellman der angesagteste Ort für Vergnügen in der ganzen Gegend. Sie sagte zwar, dass das stimme. Aber sie sagte auch, dass das sehr lange her sei! Ich rechnete nach und kam auf über 50 Jahre!


Was für ein Glück, jetzt nochmal alles erleben zu dürfen.
 
Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur zweiten Etappe. 

Etappe 3: Von Treis-Karden nach Bullay (27,7km)

Mit 27,7 km haben wir heute die längste Etappe unseres Camino geschafft! 

Gestartet sind wir in Treis-Karden um 9:10 Uhr und angekommen sind wir in Bullay um 18:11 Uhr. Die reine Laufzeit betrug 6 Stunden und 38 Minuten. Insgesamt sind wir 7,63 km aufgestiegen und über 8 km abgestiegen. Wir sind jetzt fix und foxy. 

Wir haben uns im Gegensatz zu den bisherigen Strecken heute nicht verlaufen, was daran lag, dass Rebecca die Führung übernommen hat. Meine Einzelkämpferausbildung bei den Fallschirmjägern war offensichtlich für die Katz, denn Rebecca orientiert sich zielsicher in jedem Gelände. Sie hat auch die deutlich bessere „Laufleistung“, denn ihr Basistempo ist schneller als meines und wenn sie einen Zahn zulegt, sehe ich ganz alt aus. Ich bin stolz auf mein Kind! 

Heute haben wir zwei wichtige „Naturgesetze“ gelernt: 

  • Jeden Meter, den man absteigt, muss man auch wieder aufsteigen! Auch wenn man morgens frisch geduscht und gut gefrühstückt hat und glaubt, dieser Tag wird schön, beginnt nach wenigen Minuten der Aufstieg. Es geht aufwärts und aufwärts und aufwärts und trotz Funktionskleidung ist man nach einigen Kilometern klatschnass geschwitzt und eigentlich schon fertig für diesen Tag. Etwas Gutes hat diese Quälerei: Der Kreislauf ist auf jeden Fall angesprungen. Und irgendwann kommt beim Aufstieg der Zeitpunkt, wo man sich dem Schicksal hingibt und nur noch nach oben trottet. Die Belohnung, nämlich der Abstieg, hält sich inzwischen in Grenzen, denn dann schmerzen Muskeln, Knochen, Sehnen und andere Körperteile, von denen man gar nicht wusste, dass man diese hat. 

  • Gemeinsames Leiden schweißt zusammen! Während Rebecca und ich an den ersten beiden Tagen ständig miteinander gesprochen haben, waren wir heute oftmals einfach still. Wir brauchten die körperlichen Reserven für die nächsten Schritte und konnten nicht noch dabei reden. Wir wussten aber, dass der andere genauso leidet, wie man selbst litt. Die gemeinsame Überwindung der Schmerzen machte uns stark und niemand stellte die Frage nach dem Sinn. Ein schönes Gefühl! 


Gestartet in den Tag sind wir übrigens mit einem üppigen Frühstück im Weingut Knaup in Treis- Karden und wir haben im Gästehaus direkt neben der Kirche supergut geschlafen. Um sechs Uhr läuteten dann die Glocken für die Frühmesse, was für mich das Signal zum Aufstehen war.

Die Route führte uns dann vorbei an der Wildburg nach Kloster Engelport, was mich sehr berührte, da ich als seinerzeitiger Messdiener mit der katholischen Kirche hier für ein verlängertes Wochenende an sogenannten Exerzitien teilgenommen habe. Meine Güte, wie lange ist das her.

Weiter ging es dann nach Beilstein mit der romantischen Burg Metternich. Beilstein ist ein Kleinod und viel zu wenig bekannt. Und dann nahm das Elend endgültig seinen Lauf. Es ging endlos durch Feld und Wald nach Bullay, wo wir uns endlich überglücklich unter die Dusche stellten und dann ein eiskaltes Bier auf unsere Leistung tranken. Für Rebecca war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie so körperlich am Ende war. Und ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal so fertig war (wahrscheinlich 1974 bei der Bundeswehr).
 
Alles in allem: Es war wieder ein aufregender Tag und wir sind offensichtlich dem Sinn des Pilgerns ein Stück nähergekommen!
 
Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur dritten Etappe.

Etappe 4: Von Bullay nach Traben-Trarbach (21km)

Wir dürfen jetzt nicht übermütig werden. Denn wir haben auch die vierte Etappe geschafft – und damit die Hälfte der insgesamt acht vorgesehenen Strecken.

Gelaufen sind wir 21,06 km, davon 5,1 km aufwärts und 4,4 km abwärts. Die reine Laufzeit betrug fünf Stunden und 18 Minuten. Insgesamt waren wir von 9:30 Uhr bis 17:20 Uhr unterwegs.

Wir haben das gute Gefühl, dass wir den Mosel-Camino konditionell schaffen werden. Unsere Sorge ist mehr, dass ein Körperteil, zum Beispiel der Meniskus, nach vier, fünf, sechs Tagen keine Lust mehr hat, der Dauerbelastung ausgesetzt zu sein und einfach aussteigt. Voltaren und Tape gewinnen von Tag zu Tag mehr an Bedeutung. Wir sind heute Morgen deshalb etwas später gestartet, weil das morgendliche tapen der risikobehafteten Körperteile immer mehr Zeit in Anspruch nimmt, da immer mehr Schwachstellen hinzukommen.

Mit dem Wetter haben wir eigentlich Glück. Gestern hatten wir zwei, drei kurze Schauer, was uns nicht sonderlich gestört hat, denn Rebecca hat tolle Ponchos besorgt, die federleicht sind und dennoch den Rucksack und einen selbst schützen. Ansonsten gab es viel Sonne, bisweilen war es zum Wandern eigentlich sogar zu schwül. Dass laut Wetterbericht die Temperaturen weiter ansteigen sollen, sorgt uns daher mehr als die Vorhersage, dass es am Sonntag eine prozentuale Regenwahrscheinlichkeit gibt.

In Bullay haben wir im Hotel Mosella geschlafen, wo ich heute Morgen zum ersten Mal Riesling-Gelee gegessen habe, das ich mir in meinen Müsli-Joghurt gerührt habe. Und mit Wein und Mosel ging es den ganzen Tag weiter, denn unsere Strecke verlief überwiegend durch die Weinberge. Eine wunderschöne uralte Kulturlandschaft, die es mit den asiatischen Reisterrassen locker aufnehmen kann. Da Rebecca wieder die Führung übernommen hat, haben wir uns mal wieder nicht einmal verlaufen.

Die Strecke verlief immer an der Mosel entlang von der Marienburg bei Bullay, Reil, Burg und Enkirch, von wo es dann über die Ruine der Grevenburg nach Traben-Trabach ging. Es war die bislang schönste Etappe unseres Projektes. Die zahlreichen Panoramen auf unsere Mosel aus den verschiedensten Blickwinkeln waren ein einziger Genuss. Wir konnten uns gar nicht satt sehen. Bei der Schleuse Enkirch hatten wir sogar das Glück, den Schleusungsvorgang eines Ausflugsdampfers beobachten zu können. Sofort kamen in mir Erinnerungen hoch, denn als die Mosel 1964 kanalisiert wurde, fuhren wir mit der Volksschule (so hieß das früher) zur Staustufe nach Müden, um das technische „Wunderwerk“ zu bestaunen. Damals war ich zwölf Jahre alt und die Schleusen funktionieren heute noch immer!

Rebecca hatte kurz hinter dem kleinen Moseldorf Burg eine fantastische Idee, denn dort gibt es leicht im Hang versteckt eine sogenannte „Wassertretanlage“. Dank ihres Drängens nutzten wir die Gelegenheit und haben mit nackten geschundenen Füßen Runde um Runde in dem Becken gedreht. Wellness ist ein müder Abklatsch gegen dieses erhabene Gefühl von Glück, wenn Füße vom eiskalten Wasser gestreichelt werden.

Es war ein herrlicher Tag und wir freuen uns schon auf den nächsten!

Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur vierten Etappe.

Etappe 5: Von Traben-Trarbach nach Monzel (19,4km)

Rebecca und ich sind uns unsicher, ob wir heute oder gestern die schönste Strecke gelaufen sind. Denn auch heute war es wieder eine wunderbare Tour mit vielen Momenten, die ich sicher nicht vergessen werde. 

Die Gesamtstrecke betrug 19,51 km mit fünf Stunden und 57 Minuten Aufstieg und vier Stunden und 53 Minuten Abstieg. Wir merken langsam eine gewisse Routine in unseren Körpern, denn wenn wir im Wanderführer Streckenangaben lesen, die uns früher zumindest nachdenklich gemacht hätten (zum Beispiel sieben Kilometer), nehmen wir solche Entfernungsangaben inzwischen mit einer gewissen Gelassenheit hin. Ich bin vor allem begeistert von der Fitness meiner Tochter, die unsere Schicksalsgemeinschaft kraftvoll und zielsicher führt. Und Dank ihrer Orientierungsfähigkeit haben wir uns mal wieder nicht verlaufen, obwohl die heutige Strecke diejenige ist, die bislang am schlechtesten ausgeschildert war. 

Wir haben aber auch ein weiteres Pilgergesetz inzwischen verinnerlicht: Wenn man eine Weggabelung hat und ein Weg führt auf gleicher Höhe gut ausgebaut weiter und ein anderer Weg führt steil nach oben, ist verwachsen und mit Schotter bedeckt, dann ist der Schotterweg der Pilgerweg. 

Geschlafen haben wir in Traben-Trarbach im Hotel Mosella, wo es morgens zum Frühstück nicht nur Hunsrücker Landschinken, sondern auch Magnesium-Tabletten für Wanderer gab. Die konnten wir gut gebrauchen. In der dortigen Pilgerherberge haben wir mal wieder einen Pilgerstempel bekommen. Trotz eines kleinen Umwegs sind wir dorthin marschiert, weil wir endlich mal eine Pilgerherberge mit Schlaf- und Speisesaal sehen wollten. Wir bleiben jetzt dabei, dass dies nichts für uns ist, obwohl die „Pilgermutter“ ausgesprochen nett war. 

Pilgerstempel zu erhalten ist ja ein wichtiges Ziel unseres Projekts geworden, weil dies einen eigenartigen Reiz ausübt. Man glaubt ja gar nicht, wieviel Varianten an Öffnungszeiten, richtiger ist „Nicht-Öffnungszeiten“, es gibt. Pilgerstempel gibt es zum Beispiel in Touristinformationsstellen oder Pfarrämter. Und die haben meist solche Öffnungszeiten, dass man glauben könnte, die wollen gar nicht, dass man sie aufsucht. Egal, wir sind jedes Mal stolz wie Oskar, wenn wir wieder mal einen solchen Beweis unserer Anwesenheit in unseren Pilgerausweis gestempelt bekommen. 

Von Traben-Trarbach ging es nach Bernkastel-Kues und von dort über den kleinen Moselort Lieser nach Osann-Monzel. In Kues standen wir vor dem wegen Renovierung geschlossenen Geburtshaus des Nikolaus von Kues, der dort 1401 geboren wurde und als Kardinal und Generalvikar im Vatikan einen Ruf als „Generalgelehrter“ nicht nur seiner Zeit erlangte. 

Den Namen des Ortes Osann-Monzel habe ich zuvor in meinem Leben noch nie gehört. Ich glaube, das war nicht schlimm. Überhaupt: Je weiter weg wir von meinem ursprünglichen Heimatort Münstermaifeld in der Eifel kommen, umso mehr kommen wir in Dörfer und Städte, die mir bislang völlig unbekannt waren. Das macht aber nichts, denn dafür wird die Landschaft mit der Mosel und den vielen Weinbergen immer reizvoller. 

Wir haben heute zwei musikalische Module unserer Pilgertour kreiert: 

  • Nachdem wir uns beim Aufstieg von dem kleinen Ort Lieser in Richtung Osann-Monzel in der heißen Sonne wieder einmal mehr die Frage stellten, wann denn dieser Weg zu Ende sei, hat es bei mir Klick gemacht. Ich habe mit dem Handy das uralte Lied von Marianne Rosenberg aus dem Jahr 1973 im Internet gesucht, gefunden und abgespielt: „Jeder Weg hat mal ein Ende, …“ Es war so lustig, dass es uns gleich besser ging und wir nun des Öfteren unsere Marianne Rosenberg als Motivationsschub benutzen. 

  • Rebecca findet es toll, wenn Rinnsale oder kleine oder größere Bäche vom Berg hinuntersprudeln. Sie hört oft schon von weitem das Plätschern und freut sich einfach darüber. Was für eine schöne Gabe. Und ich singe dann ganz laut in die Stille der Weinberge die erste Strophe des alten deutschen Volkslieds „Von dem Berge rauscht ein Wasser“!


Wahrscheinlich zeigt sich so der Beginn, wie Pilger langsam die zivilisatorische Orientierung verlieren. Oder so ähnlich? Ich singe ganz selten die zweite Strophe. Sollte es aber tun, denn der Refrain lautet: „Glücklich ist, wer das vergisst, was nicht mehr zu ändern ist!“ Dieses Volkslied mit diesem Text ist für mich ein großartiges mystisches „Pilgerlied“ und es geht mir inzwischen nicht mehr aus dem Kopf. Dagegen sind die Schriften des „Generalgelehrten“ Nikolaus von Kues eher Besinnungsaufsätze.

Auch Rebecca hat die „Pilgerreife“ erreicht, denn beim ersten elend langen und steilen Aufstieg hat sie nach Erreichen des Gipfelpunktes zusammengefasst: „Wir sind aufgestiegen, um abzusteigen“!

Heute Abend sind wir stolz auf unsere Leistung und freuen uns auf und mit unserem Besuch: Björn Heuser, der Mitsing-König von Köln, hat es sich nicht nehmen lassen, uns zu besuchen, um uns für das letzte Drittel des Projekts zu unterstützen. Wir sitzen zusammen, plaudern und erfreuen uns des Lebens und stellen gemeinsam fest, wie gut wir es doch haben.
 
Und mit etwas Glück wird auch morgen wieder alles gut!
 
Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur fünften Etappe.

Etappe 6: Von Monzel nach Klüsserath (19,9km)

Die heutige Etappe war eine „Mörder-Etappe“.

Wir hatten ja befürchtet, dass die Temperaturen steigen, aber nicht in dieser Größenordnung. In den Weinbergen mit seinen Schieferböden und den Felswänden war es zwischen 38 und teilweise sogar 40 Grad schwül warm. Eigentlich kein Wetter zum Wandern, aber wir mussten da durch. Denn es gibt ja keinen Plan B. Gottlob gab es auch etliche Streckenabschnitte durch Wald und Wiese, aber die letzten Kilometer zum Zielort Klüsserath waren eine echte Herausforderung für den Kreislauf, denn Schatten gibt es ja ganz bewusst im Weinberg nicht.

Insgesamt sind wir 19,9 km gelaufen, davon 5,34 km aufwärts und 6,93 km abwärts. Die reine Laufzeit betrug vier Stunden und 46 Minuten. Wir haben gegen Ende „Gas gegeben“, weil wir raus aus der Sonne und unter die Dusche wollten. Insgesamt waren wir sechs Stunden und 58 Minuten unterwegs.

Geschlafen haben wir im kleinen Winzerort Osann-Monzel im Weingut Marmann, das etwas außerhalb in den Weinbergen liegt. Für die zusätzlichen 1,8 km wurden wir heute Morgen mit einem herrlichen Sonnenaufgang über den Weinbergen entschädigt. Direkt hinter dem Ort begann ein hammerharter Aufstieg bis zur Minheimer Hütte. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil dies der geographisch höchste Punkt des gesamten Mosel-Camino ist. Manche ersteigen im Urlaub den Mont Everest, wir stampften zur Minheimer Hütte! Die Welt ist voller Gegensätze! Die langen Abstiege heute hatten bei dieser Hitze fast etwas meditatives, denn wir unterhielten uns zur Schonung der körperlichen Reserven recht wenig, so dass man mit schwerem Schritt in einen Trott verfiel und ganz gut über sich selbst nachdenken konnte. Marianne Rosenberg hat uns übrigens mit ihrem Hit „Jeder Weg hat mal ein Ende“ heute einige Male unterstützt.

Die Route führte in den Wallfahrtsort Klausen und von dort nach Klüsserath. „Klausen ist ein spiritueller Kraftort“ heißt es in unserem Wanderführer. Ich hatte hingegen ein spirituelles Erlebnis anderer Art. Ich spürte auf der Terrasse im Dorfcafe ein eigenartiges Gefühl oberhalb der Kniekehle. Rebecca schaute sofort nach und siehe da, mich hatte eine Zecke gebissen und sie saugte noch genüsslich an meinem Blut. Gottseidank wusste Rebecca was zu tun ist. Sie kaufte im Dorfladen eine sogenannte Zeckenkarte (ich war wohl nicht der erste „Zeckenfall“) und konnte damit die Zecke samt Kopf entfernen. Sie kannte sich aus, weil sie auf den Reiterhöfen des Öfteren Pferde von Zecken befreien musste. Heute war ich das Pferd und ich war dem Schicksal dankbar, dass meine Tochter die Situation so routiniert beherrschte. Sie hatte weniger Glück, denn sie wird seit dem ersten Tag von Bremsen gestochen. Die Einstichstellen sehen teilweise scheußlich aus, aber Rebecca hält durch. Auch hier gilt wieder: Die Welt ist voller Gegensätze – denn ich habe bislang keinen einzigen Bremsenstich.

Wir haben nicht nur eine halbe Apotheke in unseren Rucksäcken, sondern auch jede Menge Wasser. Klar ist, das macht die Teile schwerer. Aber wir haben damit wider Erwarten kein Problem, denn die Rucksäcke tragen sich prima und die Schmerzen in den Schultern kommen erst dann, wenn wir die Rucksäcke ausgezogen haben. Dann allerdings kommt Voltaren zum Einsatz!

Wir haben in unseren Arzneibeständen auch Ibuprofen 600 dabei für den Fall, dass der Schmerz eines Körperteils zumindest für wenige Tage betäubt werden muss. Denn für uns ist klar, wir wollen nicht aufgeben!

Ansonsten ist in Bezug auf die Rucksäcke natürlich klar, dass das Teil, was man gerade braucht, immer ganz unten liegt. Zum Glück kann man die Dinger auch von der Seite aufmachen, was aber nicht immer hilft. Und dann nimmt man sich vor, nächstes Mal packe man alles besser.

Jetzt haben wir noch zwei Tage vor uns. Das Ende ist zum Greifen nah und wir spüren in uns schon ein wenig den Erfolg!

Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur sechsten Etappe.

Etappe 7: Von Klüsserath nach Schweich (19,4km)

Auch heute schien wieder die Sonne gnadenlos vom Himmel. Daran gewöhnt man sich nicht! Aber wir hatten – im Gegensatz zu gestern – viele Streckenabschnitte im Eifelwald. Während wir zu Beginn des Camino wegen der fehlenden Sicht auf die Mosel enttäuscht waren, wenn Waldstrecken kamen, freuten wir uns heute über jedes Bäumchen, das Schatten warf.

Insgesamt betrug unsere heutige Strecke 23,3 km, davon 5,52 km aufwärts und 5,3 km abwärts. Die reine Laufzeit war mit fünf Stunden und 18 Minuten moderat; insgesamt waren wir gut sieben Stunden unterwegs.

Übernachtet haben wir in Klüsserath und zwar sehr spartanisch. So gut wie nichts stimmte mit der Werbung im Internet überein, aber was soll’s. Nach den Strapazen der gestrigen Route haben wir wie ein Stein geschlafen, so dass wir uns heute Morgen wieder fit auf die Strecke begeben konnten. Unsere Kondition wird von Tag zu Tag gefestigter, die Scheuerstellen, Sonnenallergiereaktionen und Einstiche durch Insekten auf der Haut werden dagegen immer mehr. Das lässt sich aushalten, ist aber nervig. Unsere Wund- und Cortisoncremes gehen langsam dem Ende zu, aber wir haben ja nur noch einen Tag.
 
Rebecca hat ihre Freude mit den Tieren, die wir unterwegs treffen. Pferde sind ihre Lieblinge, dann folgen Ziegen, Schafe, Weinbergschnecken und jede Art von dicken Käfern und auf der Mosel Schwäne und Enten. Wir müssen immer anhalten, damit sie ihre Fotos machen kann. Heute haben wir zwei besondere Tiere angetroffen, nämlich einen Schwarzsprecht und tatsächlich ein Reh. Der Schwarzspecht klopfte lustigerweise ein dickes Loch in einen hölzernen Telefonkabelmast. Wenn man vergleicht, welch eine Kraft diese kleinen Tiere haben, kommt man sich ganz schwach vor. Das Reh schaute uns im Stadtwald von Schweich zu, wie wir den Waldweg hinuntertrabten. Natürlich hat Rebecca das schöne Tier zuerst gesehen und weil wir ganz behutsam vorgingen, konnten wir uns ihm bis auf wenige Meter nähern. Ein schönes Erlebnis dank Rebecca. Eidechsen und Blindschleichen mag sie dagegen nicht. Schade, denn ausgerechnet von diesen Tieren wimmelt es nur so in den Weinbergen.

Unsere Strecke führte uns von Klüsserath nach Schweich und von dort dann nahezu beschaulich direkt an der Mosel entlang nach Ehrang. Entgegen dem Vorschlag des Wanderführers haben wir die vorgeschlagene Strecke, die nur bis nach Schweich verlief, bis nach Ehrang verlängert. Morgen am letzten Tag haben wir dann nur noch rund zwölf Kilometer vor uns und könnten dann irgendwann am Nachmittag mit dem Zug zurück nach Köln fahren. Die Strecke war schön, manchmal auch beschwerlich - insbesondere wegen der Sonne, aber nicht so reizvoll wie die beiden vorherigen Etappen.

Unter Stress gesetzt hat uns heute die Suche nach dem Pilgerstempel der Kirche in Ehrang. Die Beschreibung im Wanderführer und im Internet stimmten beide nicht mit der Realität überein. Vor allem Rebecca hat inzwischen einen Ehrgeiz entwickelt, diese Stempel im Pilgerausweis zu sammeln. Inzwischen weiß ich, woher dieser Ehrgeiz kommt. Als wir vor Jahrzehnten mit ihr im Bayerischen Wald Urlaub machten, hatte sie null Interesse am Wandern. Diese Anti-Haltung konnten wir erst knacken, als sie durch Zufall auf die Wanderplaketten aufmerksam wurde. Diese kleinen Plaketten nagelt man sich auf seinen Wanderstock als Art Leistungsbeweis. Sie sind teilweise recht putzig und bunt gemacht und genau auf diese Plaketten fuhr Rebecca damals ab. Denselben „Jagdtrieb“ erkenne ich heute wieder – und ich habe ihn inzwischen auch!

Morgen geht es nach Trier. Ohne größenwahnsinnig zu werden gehen wir davon aus, dass wir das locker schaffen werden. In unseren Gesprächen auf der Strecke fangen wir schon an, ein Fazit zu ziehen, was uns aber ziemlich schwerfällt. Vielleicht kommen wir ja morgen zum Ende des Camino in einer der Trierer Kirchen zur entscheidenden Erkenntnis?
 
Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur siebten Etappe.

Etappe 8: Von Schweich nach Trier (11,4km)

Wir haben es heute am Sonntag geschafft! 
Das ist die wichtigste Botschaft der letzten acht Tage. 

Mit 11,39 km war es heute die kürzeste Strecke des Mosel-Camino und genau so haben wir es ja gewollt. Wir wollten bis mittags in Trier sein, um dann mit der Bahn nach Köln zurückzufahren. Insgesamt sind wir 166,5 km gelaufen! 

Unser Hotel in Ehrang war in Ordnung. Beim Frühstück waren Rebecca und ich der Meinung, dass wir nun die nächsten Tage kein Rührei mehr wollen. 

Die Strecke selbst hatte zum Abschluss nochmal alles, was ein Pilger liebt: Steile Abstiege und noch steilere Aufstiege. Der schwierige Treppenabstieg vor Biewer hat unseren angeknacksten Menisken den Rest gegeben. Lustig ist, dass wir beide das rechte Knie als Schwachstelle haben. 

Und nach dem Pilger-Motto „Man steigt ab, um aufzusteigen“ ging es nach Biewer quasi in Steillage aufwärts. Wir nahmen dies mit einer seltsamen Gelassenheit hin, denn wir wussten ja: Dies ist der letzte Aufstieg des Camino und danach ist Ende Gelände! 

Konditionell haben wir nicht nur keine Probleme, sondern wir liefen heute die Strecke mit einer optimalen Geschwindigkeit. Irgendwie wollten wir nach sieben Tagen hartem Wandern nur noch ankommen. 

Wir starteten um 9:12 Uhr in Ehrang bei strahlendem Sonnenschein und erreichten zuerst den kleinen Ort Biewer und konnten dann um 10:45 Uhr Trier sehen und hören. Hören deshalb, weil die Glocken des Doms laut und majestätisch durch das Moseltal hallten. Wir fühlten uns an den Beginn unseres Projekts am letzten Sonntag in Koblenz-Stolzenfels erinnert, denn dort läuteten mit dem Start am Sonntagmorgen ebenfalls die Glocken. Es war ergreifend, unsere Zielstadt Trier zu sehen und zur Begrüßung das Glockengeläut aufzunehmen. 

Wir fühlten uns in einer merkwürdigen Kombination fit und abgekämpft zugleich: 

Fit, weil wir konditionell zugelegt haben. Unsere Basisgeschwindigkeit ist schneller geworden als zu Beginn des Camino. Und wir waren in der Lage, wenn es sein musste, noch zuzulegen. Natürlich kamen wir hin und wieder an unsere Leistungsgrenze, aber nach einer kleinen Pause war dann wieder alles gut. 

Abgekämpft fühlten wir uns mental, denn nach über 150 km Wanderstrecke und sieben Tagen „Leben aus dem Rucksack“ hatten wir vom Camino erst einmal genug. 

Unser Pilgerziel war in Trier die Benediktinerabtei St. Matthias, wo wir um 12.10 Uhr ankamen. Natürlich hatte der Klosterladen und die Abtei-Pforte geschlossen, so dass wir mal wieder keinen Pilgerstempel bekamen. Weiter ging es zum Pilgerbüro, das sich unlogischerweise am Dom und nicht an der Ziel-Kirche St. Matthias befindet. Egal, wir haben dort unsere Urkunde erhalten und sind jetzt zertifizierte Pilger. Wer hätte das gedacht.
 
Wir wollen jetzt noch keine abschließende Bewertung vornehmen, sondern die letzten acht Tage erst mal sacken lassen. Aber einige wenige Eindrücke und Erkenntnisse lassen sich jetzt schon festhalten: 

  • Es war ein grandioses Erlebnis! 
  • Alles war anders als erwartet! 
  • Wir würden es wieder machen! 
  • Es hat sich gelohnt! 


Rebecca und ich sind glücklich, dass wir diese Herausforderung gemeinsam erfolgreich bewältigen konnten. Viele grandiose und außergewöhnliche Momente haben sich in unserem Kopf eingebrannt, die wir nicht mehr vergessen werden.

Ich bin Rebecca dankbar, dass ich dieses gemeinsame Abenteuer in meinem 72. Lebensjahr erleben durfte. Rebecca hatte die Idee, ergriff die Initiative, hat alles bestens organisiert und schnell die Führung übernommen. Ihr Wille zum Erfolg bei diesem außergewöhnlichen Projekt war bewundernswert unt hat ihren Vater stolz gemacht.
 
Hier gibt's auf Instagram ein Reel zur achten Etappe.